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07.07.2017, HKI_G20-Gipfel thematisiert Infektionskrankheiten
 
Das Schwerpunktthema „Förderung der globalen Gesundheit“ des diesjährigen G20-Gipfeltreffens vom 7. bis 8. Juli in Hamburg bestätigt die wichtige Forschungsarbeit des Konsortiums „InfectControl 2020“
In den kommenden Tagen diskutieren die Staaten der G20 neben den traditionellen Wirtschafts- und Finanzthemen auch darüber, wie globales Gesundheitsmanagement in Zukunft aussieht. Mit Blick auf die letzte Ebola-Epidemie sind vor allem übertragbare Krankheiten im Fokus der Politiker. Besonderen Handlungsbedarf sieht die G20 beim Kampf gegen Antibiotikaresistenzen.

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Im Rahmen des Informationsprojekts „Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation“ entstand ein Podcast zur Aufklärung von Landwirten und Tierärzten.
Quelle: Lindgrün GmbH


Axel Brakhage ist Sprecher des Konsortiums „InfectControl 2020“, in dem sich Wissenschaftler und Industrievertreter gemeinsam in knapp 30 Projekten dem vielschichtigen Problem der Infektionskrankheiten aus unterschiedlichen Perspektiven widmen. Er begrüßt den thematischen Schwerpunkt des Gipfels: „Die Bekämpfung von Infektionskrankheiten ist essenziell für das Wohlergehen unserer Gesellschaft. Neben neuen Antibiotika und zuverlässigen Diagnose-Methoden fehlen uns global einheitliche antiinfektive Präventionsstrategien. Denn die stark gestiegene Mobilität der Menschen und auch der Klimawandel tragen zusätzlich zur rasanten und weltweiten Verbreitung regional auftretender Erreger bei“, so der Professor der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der gleichzeitig Direktor des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut – (HKI) ist.

Neue Wirkstoffe im Kampf gegen Antibiotika-resistente Keime
Neben der schnellen Verbreitung von Krankheitserregern gefährden resistente Erregerstämme zunehmend unsere Gesellschaft. Besonders deutlich wird diese Entwicklung am Beispiel der Tuberkulose, die unter den bakteriellen Infektionskrankheiten mit 1,5 Millionen Fällen weltweit die meisten Todesopfer fordert. Florian Kloß ist Leiter der „Transfergruppe Antiinfektiva“, einem Bestandteil des Forschungsverbundes „InfectControl 2020“. Die Gruppe forscht am HKI in Jena nach neuen, vielversprechenden antiinfektiven Wirkstoffen.

Der Chemiker begründet die vielen Todesfälle durch Tuberkulose vor allem mit der drastischen Verbreitung der hochresistenten Mycobacterium-tuberculosis-Stämme. Doch trotz dieser steigenden Bedrohung stehen kaum neue Medikamente vor der Markteinführung.
„Antibiotika bieten der Industrie kaum einen wirtschaftlichen Anreiz. Die Ausgaben sind aufgrund des hohen Ausfallrisikos neuer Wirkstoff-Kandidaten und der zeitintensiven Entwicklung extrem hoch, die Einnahmen hingegen relativ niedrig“, stellt Kloß fest. „Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Vorhaben „InfectControl 2020“ bietet uns eine bisher einmalige Möglichkeit, genau diese Entwicklungslücke zu schließen. Mithilfe der öffentlichen Förderung können wir viele essentielle Studien durchführen, die zur Entwicklung eines neuen und so dringend benötigten Tuberkulose-Antibiotikums notwendig sind“, fügt der Wirkstoff-Forscher hinzu. Die Aussichten sind vielversprechend: „Die am HKI entdeckte Substanz BTZ043 zeigte in den bisherigen Untersuchungen hervorragende Wirksamkeit – selbst gegenüber hochresistenten Tuberkuloseerregern“, hält der Chemiker fest.
 
 
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Florian Kloß ist Leiter der „Transfergruppe Antiinfektiva“, die am Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut – in Jena nach neuen antiinfektiven Wirkstoffen forscht.
Quelle: Anna Schrol


Unsachgemäßen Antibiotikaverbrauch reduzieren
Doch das Problem der Infektionskrankheiten lässt sich nicht nur mit neuen Antibiotika lösen, weiß Petra Gastmeier, die Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité, zu berichten: „Auch der Einsatz dieser so wichtigen Medikamente muss reduziert werden, da jede unsachgemäße Anwendung gleichzeitig eine verminderte Wirkung nach sich zieht, in dem sie Resistenzen fördert“, so die Hygienikerin, die ebenso hoffnungsvoll auf den G20-Gipfel blickt. Sie ist eine der federführenden Wissenschaftler des Aufklärungsprojekts „Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation“, das auch im Rahmen von „InfectControl 2020“ initiiert wurde.

Das Vorhaben beschäftigt sich mit der Aufklärung der Antibiotika-verordnenden Akteure wie Hausärzte, Chirurgen und Intensivmediziner auf der einen sowie von Patienten auf der anderen Seite. Doch auch Tierärzte und Landwirte gehören zur Zielgruppe des auf wissenschaftlichen Studien basierten Interventionsprojektes. Aus diesem Grund entwickelten die Forscher gemeinsam mit Veterinär- und Humanmedizinern sowie Designern beispielsweise einen Podcast namens „Schweine-Cast“, in dem Praktiker und Wissenschaftler aktuelle und praxisorientierte Informationen zum zielgerichteten Antibiotikaeinsatz diskutieren. Auch eine Website (www.antibiotika-wissen.de) beleuchtet ausführlich die Auswirkungen von Antibiotika auf unsere gesamte Umwelt.

Dass die Hoffnungen bezüglich des aktuellen G20-Gipfels berechtigt sind und Diskussionen gesundheitsrelevanter Themen auf internationalem Niveau durchaus erfolgreich sein können, zeigte der Gipfel 2016 in Hangzhou. Die Ansprache des massiven Einsatzes von Antibiotika in der Landwirtschaft mündete im Zuge der G20-Agrarministererklärung 2017 bereits in konkrete Maßnahmen zur Reduzierung antimikrobieller Substanzen in der Landwirtschaft.

Das Konsortium „InfectControl 2020“: Gemeinsam Infektionen bekämpfen
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert mit rund 45 Millionen Euro knapp 30 Forschungsprojekte im Rahmen von „InfectControl 2020“, in denen Industrie- und Wissenschaftspartner aus ganz Deutschland interdisziplinär neue Strategien zur Infektionsbekämpfung erarbeiten. Erstmalig widmen sich Wissenschaftler und Unternehmer in diesem Umfang dem so vielschichtigen Problem der Infektionskrankheiten, die nun auch auf internationaler Ebene Aufmerksamkeit erlangen.